Dinkelbaguettes mit einfachem Aufarbeitungstrick

Um euch nicht mit tausend Plattitüden zum Dinkel zu langweilen, kommen wir gleich zur Sache. Wer sich tiefer ins Thema einarbeiten möchte, findet hier eine Zusammenfassung.

Dieses Rezept besticht durch Einfachheit, Umsetzungssicherheit und Geschmack. Wir verzichten auf Schnörkel, die häufig nichts weiter bringen als Umsetzungsunsicherheit und ein Pseudo-Alleinstellungsmerkmal.

Die für Dinkel notwendige, zusätzliche Wasserbindung erreichen wir durch ein Extrudat (Aquaposa), das neben der Feuchtigkeitsbindung die Krume wunderbar elastisch hält. Dabei handelt es sich um einen reinen Naturstoff, der durch hohen Druck erhitzt wurde. Allerdings ist die gewählte TA von 170 eine Herausforderung – trotz 5 % Extrudat.

Wir fahren zwei Versuche, die sich durch die Hefemenge, einen Hauch junger Madre und Kühlschrank (4 °C) vs. Zimmertemperatur (20 °C) unterscheiden.

Rezept 1

  • 700 g Wasser
  • 1 g Hefe
  • 1000 g Dinkelmehl 630
  • 50 g Aquaposa
  • 22 g Salz

Zubereitung

  1. Hefe im Wasser lösen, Aquaposa im Mehl verrühren.
  2. Ankneten und für 1 Std. quellen lassen.
  3. Dann zusammen mit dem Salz auskneten (ca. 2 Min. langsam / 1 Min. schnell).
  4. Teig in die geölte Gärwanne legen und nach ca. 3 Std. einmal aufziehen.
  5. Abgedeckt bei 20 °C reifen lassen bis zur Verdopplung des Teigvolumens (Dauer: ca. 16 Std.).
  6. Alternative: Nach 12 Std. in den Kühlschrank (4 °C) legen und am Folgetag aufarbeiten.

Rezept 2

Zubereitung

  1. Hefe und Madre im Wasser lösen, Aquaposa im Mehl verrühren.
  2. Ankneten und für 1 Std. quellen lassen.
  3. Dann zusammen mit dem Salz auskneten (ca. 2 Min. langsam / 1 Min. schnell).
  4. Teig in die geölte Gärwanne legen und nach ca. 1,5 Std. einmal aufziehen.
  5. Abgedeckt im Kühlschrank bei 4 °C reifen lassen (Dauer: ca. 18–24 Std.).

Aufarbeitung (speziell für beide Varianten)

  1. Teig auf ein Mehlbett kippen, Mitte leicht mit wenig Mehl abstreuen und mit der Teigkarte vierteln.
  2. Behände den Teig auf der langen Seite überschlagen und auf einem bemehlten Leinen ablegen.
  3. Weitere 60 Min. reifen lassen.
  4. Vor dem Backen einmal längs einschneiden.
  5. Bei 240 °C fallend auf 220 °C ca. 22 Min. ausbacken.
  6. Schwaden nicht vergessen!
  7. Die letzten 7 Min. die Ofentür leicht öffnen, um eine stabilere Kruste zu bekommen.

Schellis Urteil

Dinkel – richtig angewandt – kann auch gut sein. In Kombination mit Roggen vollbringt er Großartiges. Als Baguette/Ciabatta, wie hier beschrieben, zieht er seine Faszination aus dem besonderen Geschmack des Oberkulmer Rotkorns, etwas mehr getreideeigenem Zucker und einer Gärverzögerung – verwirklicht einmal über die geringe Hefemenge und einmal über die Kühlschrankreife.
Der minimale Madrezusatz wirkt wie ein hintergründiges Gewürz: keine nennenswerte Säure wahrnehmbar, sondern nur ein etwas markanterer Geschmack auf der Zunge. Die leicht erhöhten Zuckerwerte lassen die Teiglinge im Ofen schneller bräunen. Wir orientieren uns an einer Backzeit von 23 bis 25 Minuten und regeln im Zweifel die Backtemperatur herab.

Die besonders schonende Aufarbeitung habe ich erstmals bei Dietmar Kappl im Seminar (April ’26) gesehen. Für mich eine neue Dimension zur Erhaltung der wilden, offenen Porung und eine Art Basis-Training am Teig, das jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema Brotherstellung auseinandersetzt, versuchen sollte. Auf diese Weise bleibt das Teiglingsvolumen weitestgehend erhalten, und die Teiglingsoberfläche erhält dennoch die notwendige Grundspannung.

Die Säureentwicklung der Madre wird durch zwei Maßnahmen gebremst:
1. ihre geringe Konzentration
2. Hefe als Gegenspieler
Deshalb ist eine Fermentationsdauer von über 20 Stunden mit diesem Rezept durchführbar.

Varianten im Vergleich:
Variante 1 (0,1 % Hefe, 20 °C):
Herausforderung aufgrund des weichen, nachlassenden und tendenziell überreifen Teiges
Variante 2 (0,5 % Hefe, 1 % Madre, 20 Std. bei 4 °C):
Nichts für Anfänger, jedoch machbar. Der kühle Teig ist etwas fester.

Soweit zur Backtechnik. Geschmack und Textur dieses Frischeprodukts sind Weltklasse.
Wichtig: Sofort genießen!
Im Unterschied zur Wattigkeit einer direkt geführten Brötchenkrume finden wir hier eine leicht süße Fleischigkeit, die in Kombination mit der röschen, dünnen Kruste lustvoll genossen wird. Geht mit allem! Von Marmelade bis Schinken oder reifem Käse. Ich wundere mich, dass die Franzosen diese Art Baguette bislang nicht für sich entdeckt haben.

Tipps

1. Kein Aquaposa zur Hand?
Wer kein Aquaposa greifbar hat, kann auch zu Kartoffelbrei greifen, um die Wasserbindung zu optimieren. Dafür das Schüttwasser im Teig um 200 g reduzieren und 250 g Kartoffelbrei (kalt) einfach mit einkneten.

2. Für Dinkel-Newbies:
Startet vorsichtshalber mit einer TA von 160. Das bedeutet weniger Stress und schönere Ergebnisse. Also 600 g Wasser statt 700 g Wasser im Rezept. Natürlich leidet die Frischhaltung, aber man kommt wenigstens ins Ziel.

3. Temperaturschwankungen:
Leichte Temperaturschwankungen können über die lange Fermentationszeit erhebliche Reifeunterschiede des Teiges bedeuten. Teigreife-Beurteilungskompetenz hilft!